Zehn Gründe, warum Männer früher sterben

Männer sterben deutlich früher. Mehr als fünf Jahre beträgt der Unterschied in Deutschland. Aber warum ist das so? Und stimmt es, dass der Unterschied zu 100 Prozent biologisch bedingt ist, wie es beispielsweise die Partei Bündnis90/Die Grünen behauptet? Ich habe zehn Gründe für das frühe Sterben der Männer aufgelistet.

Warum Männer früher sterben: Alkohol

Nirgendwo ist der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen so groß wie in der ehemaligen Sowjetunion – und nirgendwo wird so viel Alkohol getrunken. Mehr als 15 Liter trinkt im Schnitt jeder (und jede) über 15-Jährige in Russland, Litauen, Moldau und Weißrussland. Das ist doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Und natürlich ist das nur der Durchschnitt. Hinzu kommt, dass dort vor allem Spirituosen getrunken werden, ein Getränk, das bei Frauen nicht besonders beliebt ist.

Das ist kein Zufall, Alkohol ist neben dem Rauchen einer der wichtigsten Gründe für die höhere Lebenserwartung von Frauen. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass sich 30 bis 40 Prozent des Unterschiedes bei der Lebenserwartung alleine auf den Alkohol zurückführen lassen.

Warum sterben Männer früher? Arbeit

Opfer von Arbeitsunfällen sind überwiegend männlich. Auch sehr gesundheitsschädigende Berufe, beispielsweise mit hoher Staubbelastung, werden fast ausschließlich von Männern ausgeübt. Das liegt daran, dass sie in den meisten Familien immer noch in erster Linie für die finanzielle Versorgung verantwortlich sind. Außerdem wählen Frauen ihre Männer stärker anhand des Faktors Einkommen aus als umgekehrt. Entsprechend höher ist der Druck, besser bezahlte, aber gefährliche Arbeit anzunehmen.

Es scheint außerdem so, also ob Männer stärker unter Statusstress leiden. Ein niedriger sozioökonomischer Status setzt ihnen stärker zu, ebenso der Stress, wenn es darum geht, den Posten als Alpha zu verteidigen. Das hat womöglich teilweise biologische Gründe, liegt aber auch daran, dass Männer so stark über ihren Erfolg bewertet werden.

Warum Männer weniger lang leben: Arztbesuche

Veraltete Männerbilder führen manchmal ganz direkt ins Grab, wenn Männer nicht zum Arzt gehen, weil ein echter Mann das eben nicht tut. Wer krank ist, wird schnell mit dem Vorwurf des „Männerschnupfens“ konfrontiert. Dieser Vorwurf hat weniger damit zu tun, dass Frauen tapferer wären, wie manchmal behauptet wird. Zum einen sind Männer offenbar tatsächlich etwas anfälliger für Infektionskrankheiten. Vielleicht weil Frauen traditionell mehr Zeit in der Nähe anderer Menschen verbringen, wo Krankheiten schneller übertragen werden. Vor allem aber ist der Vorwurf „Männerschnupfen“ aber Ausdruck einer Rollenerwartung: Männer dürfen nicht jammern. Dieses Klischee ist tödlich, wenn Männer deshalb nicht zum Arzt gehen.

Biologie lässt Männer früher sterben

Auch einige biologische Unterschiede sind vermutlich für das kürzere Leben der Männer verantwortlich. Immer wieder ins Gespräch gebracht wird auch das Y-Chromosom, dass für einige Erbkrankheiten bei Männern verantwortlich ist. Sehr häufig, aber weitgehend harmlos, ist die Rot-Grün-Blindheit. Sie tritt bei jedem siebten Mann auf. Frauen können sie oft ausgleichen, weil sie zwei X-Chromosome auf dem 21. Chromosomensatz haben. Aber nicht immer, erben sie von Vater und Mutter die Anlage zur Farbenblindheit, sind auch sie betroffen.   

Leider haben Männer noch andere Nachteile. Wie erwähnt reagieren sie anders auf Stress, außerdem schützt Östrogen die Frauen vor einer Reihe von Krankheiten, beispielsweise dem Herzinfarkt. Frauen scheinen auch ein etwas stärkeres Immunsystem zu haben. Allerdings gibt es auch einige Krankheiten, die Frauen häufiger betreffen, beispielsweise Autoimmunerkrankungen.

Warum Männer früher sterben: Ernährung

Ernährung ist für Frauen ein großes Thema. Für Männer sollte es das ebenfalls sein, ist es aber oft nicht. Daher schreiben wir auf Gesund.men häufig darüber. Denn eine gesündere Ernährung bringt mehrfach Vorteile. Einmal hilft sie, Übergewicht zu reduzieren (siehen Punkt „Übergewicht“. Sie ist aber nicht nur deshalb sinnvoll, viele Fette führen beispielsweise zu einem hohen Cholesterinspiegel, während Obst und Gemüse viele für den Körper wichtige Stoffe enthalten. Dagegen erhöht eine zu salzreiche Kosten den Blutdruck.

Darum sterben Männer früher: Freunde

Freunde sind gesund. Leider ist die tiefe Männerfreundschaft mehr Klischee als Wirklichkeit. Für viele Männer ist die Ehefrau die wichtigste Vertraute. Das muss nicht schlecht sein, doch wenn es in der Ehe gerade nicht gut läuft, dann fehlt jemand zum Reden.

Wer es nicht glaubt und in einer festen Partnerschaft lebt, der kann ja mal überlegen, wie oft sich die Frau mit einer Freundin trifft und wie oft er selbst mit einem Freund. Und wenn, dann wird da oft gemeinsam Fahrrad gefahren, geklettert, Tennis gespielt oder über den Beruf geredet, aber nicht über Sorgen oder Befürchtungen.

Gewalt

Auch wenn die Frauenparkplätze in Tiefgaragen etwas anderes suggerieren, die meisten Gewaltopfer sind Männer. Fairerweise muss man dazu sagen, dass häusliche Gewalt vermutlich deutlich untererfasst ist – und dort Frauen vermutlich deutlich stärker betroffen sind.

Sicher kann man aber sagen, dass die meisten Opfer von Mord und Totschlag Männer sind. Das hat viele Gründe. Männer arbeiten häufig in Berufen, in denen man mit Gewalt in Verbindung kommt, beispielsweise als Wachleute. Natürlich sind sie auch öfter in illegalen „Berufen“ wie als Drogenkuriere unterwegs, die besonders gefährlich sind.

Sie versuchen weniger, Gewalt aus dem Wege zu gehen und sind öfter in Handgreiflichkeiten verwickelt, die ja auch manchmal tödlich enden können.

Die Hemmung einen Mann zu töten ist außerdem geringer als bei einer Frau. Stellen wir uns einen Streit in einer Kneipe vor. Ein Mann schlägt eine Frau. Nicht immer, aber oft würden sich ein paar Männer finden, die die Frau beschützen (und die sich damit selbst in Gefahr bringen). Bei einem Streit zwischen zwei Männer würde man eher sagen: „Niemand mischt sich ein“. Und auch der Täter selbst würde bei einem Mann weniger Hemmungen haben. Der gewaltsame Tod von Frauen, so zeigen Untersuchungen der israelischen Armee, wird als psychisch belastender wahrgenommen als der von Männern.

Rauchen

Vermutlich haben weniger Organisationen so viele zur Beseitigung von Ungleichheit bei der Lebenserwartung getan, wie die Tabakkonzerne, als sie auch Frauen in die Tabakwerbung mit einbezogen. Zwar ist die bis heute überwiegend auf Männer ausgerichtet, aber nicht mehr im gleichen Maße wie früher.

Raucher aber sterben deutlich früher. Alleine in den USA sollten jährlich 500.000 Menschen an den Folgen des Rauchens sterben.1 Es wird geschätzt, dass rauchende Männer etwa sieben Jahre früher sterben als Männer, die nie geraucht haben. Auch dampfen ist übrigens gesundheitsschädlich, allerdings weniger als dampfen, wie die Stiftung Warentest festgestellt hat. Wobei langfristige Daten noch nicht vorliegen.

Übergewicht

Ist Übergewicht ein überschätztes Problem? Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass ein leichtes Übergewicht kein Problem ist, wenn keine anderen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck hinzukommen. Aber leider tun sie das oft. Außerdem ist zumindest starkes Übergewicht auch ohne weitere Erkrankungen schädlich.

Männer sind nicht nur häufiger übergewichtig, sie leiden auch stärker darunter. Während Frauen erst ab einem Body Mass Index (BMI) von 40 deutlich früher sterben, gilt das bei Männern schon ab einem BMI von 32. Denn ihr Körperfett sammelt sich vor allem am Bauch (Apfelform), bei Frauen wird es stärker an der Hüfte und den Oberschenkeln gespeichert, was weniger problematisch ist. Einen BMI von 32 hat beispielsweise ein 1,80 Meter großer Mann, der 100 Kilogramm wiegt2

Das Gewicht kann man mit Sport reduzieren, aber beispielsweise auch mit Intervallfasten.

Risikobereitschaft und Wettbewerb

Männer sind risikofreudiger als Frauen. Das hat positive Folgen, beispielsweise gründen Männer eher Unternehmen und legen ihr Geld häufiger in Aktien an, während (zu) viele Frauen es aus Sicherheitsgründen noch immer auf dem Sparbuch liegen lassen. Bei Multiple Choice Tests, bei denen für eine falsche Antwort ein Punkt abgezogen wird, schneiden Männer häufig besser ab, weil viele Frauen aus Angst vor dem Punktabzug auch dann oft keine Antwort geben, wenn sie die richtige Antwort ahnen, sich aber nicht ganz sicher sind.

Doch in Sachen Lebenserwartung ist Risikobereitschaft überwiegend schlecht. Männer fahren oft zu schnell Auto, sie machen riskante Sportarten und schützen sich weniger. Und das ist immerhin schon besser geworden. In den 1950er Jahren waren beispielsweise das Chicken Game in den USA beliebt. Zwei Autos steuerten dabei aufeinander zu, wer zuerst ausweicht ist das „Chicken“, was hier nicht Huhn, sondern Feigling bedeutet (große Bedeutung bekam das Chicken Game übrigens in der Spieltheorie).

Welche Rolle spielt das Gesundheitssystem?

Umstritten ist die Rolle des Gesundheitssystems für den Unterschied in der Lebenserwartung. Hier stehen sich zwei Ansichten gegenüber. Eine sieht eine Benachteiligung von Männern im Gesundheitssystem, die andere von Frauen.

Werden Frauen im Gesundheitssystem benachteiligt?

Die erste stützt sich unter anderem auf die Behauptung, dass bei Medikamententests Männer häufiger als „Versuchskaninchen“ dienen und Medikamente daher an ihnen intensiver getestet werden. Oder weil bei Herzinfarkten, wegen der höheren Anfälligkeit von Männern, ihre Symptome besser bekannt sind.

Oder werden Männer im Gesundheitssystem benachteiligt?

Dementgegen stehen Stimmen, die eine Benachteiligung der Männer sehen. So Depressionen bei Männer deutlich unterdiagnostiziert. Das Leiden wird bei Frauen werden häufiger ärztlich behandelt, während sich Männer nicht selten mit Alkohol „selbst therapieren“ oder sich irgendwann umbringen. Auch deshalb gibt es deutlich mehr Selbstmorde von Männern als von Frauen.

Hinzu kommt, dass es ein dichtes Netz von Frauenärzten gibt. Frauen erhalten schon in jungen Jahren regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, während es bei Männern nichts Gleichwertiges gibt. Eine Vorsorgeuntersuchung gegen Hodenkrebs gibt es bis heute nicht regelmäßig, obwohl sie einfach und effektiv wäre und Hodenkrebs die häufigste Krebsart bei jungen Männern ist. Es wird geschätzt, dass für die Erforschung typischer Frauenleiden zehnmal so viel Geld ausgegeben wird wie für Männerkrankheiten. Die Bekämpfung von Gebärmutterhalskrebs gilt beispielsweise als große Erfolgsgeschichte.

Ob das Thema Gesundheitssystem ein elfter Punkt auf der Liste sein müsste oder es die Unterschiede in der Lebenserwartung verringert, müsste weitere Forschung klären. Leider gibt es wenig explizite Forschung zur Männergesundheit. Trotz der deutlich geringen Lebenserwartung von Männern führt dieses Forschungsfeld ein Schattendasein. Das zeigt schon ein Blick in die Berichte des Robert-Koch-Instituts, wo deutlich mehr Forschung zur Frauen- als zur Männergesundheit stattfindet.

Dabei muss klar sein, dass beide Seiten von Forschung auf dem Gebiet der Gendermedizin profitieren könnten. Es handelt sich um kein Nullsummenspiel, vielmehr wäre es denkbar gleichzeitig mehr Frauen in Medikamentenstudien einzubeziehen und die Vorsorgeuntersuchungen bei Männern auszubauen.

Fazit: Die These von den biologischen Ursachen ist nicht haltbar

Natürlich lassen sich die zehn Gründe auch noch weiter unterteilen – oder auf zwei beziehungsweise herunterbrechen, nämlich

  1. biologische Ursachen und
  2. unterschiedliche Verhaltensweisen.

Für unsere Diskussion ist aber eine Dreiteilung sinnvoller in

  1. direkt biologische Ursachen wie die geringere Anfälligkeit für Herzinfarkte durch Östrogen,
  2. Verhaltensweisen, die (teilweise) biologisch bedingt sind und
  3. Rollenbilder („doing gender“).

Natürlich sind alle drei nicht sauber zu trennen. Dass Frauen offenbar etwas robuster sind, ist kein Zeichen einer „biologischen Überlegenheit“, wie die Zeitschrift GEO mutmaßte. Es ist Folge einer jahrtausendelangen Rollenteilung. Verkürzt gesagt mussten sich Männer durchsetzen können und erfolgreich bei der Jagd sein, Frauen eine Geburt überleben. Vielleicht ist deshalb Sport auch heute noch für die Männergesundheit besonders wichtig.

Noch weniger lässt sich bei den Verhaltensweisen klar trennen, was biologisch und was anerzogen ist. Der Neurowissenschaftler und Primatenforscher schreibt über die Wirkung der Biologie auf das Verhalten, was zähle sei „Kontext, Kontext, Kontext“.3 Soll heißen, wie ein Gen oder ein Hormon wirkt, hängt auch von der Umwelt ab.

Trotzdem können wir sicher sagen, die immer wieder vorgebrachte Behauptung die geringere Lebenserwartung der Männer sei kein gesellschaftliches Problem, weil sie ausschließlich biologisch bedingt sei, ist falsch.

  1. Mortalität bei Rauchern auf Thieme Online, vgl. https://www.thieme.de/de/innere-medizin/mortalitaet-rauchen-72741.htm#:~:text=In%20den%20USA%20%E2%80%93%20so%20eine,Zahl%20ber%C3%BCcksichtigt%2021%20bekannte%20Raucherkrankheiten.
  2. Quelle für diesen Absatz: Schöne, Lajos: Wer glaubt, Dicke leben länger, der irrt gewaltig, in Welt Online, abgerufen am 1.10.2020 unter https://www.welt.de/gesundheit/article136029365/Wer-glaubt-Dicke-leben-laenger-der-irrt-gewaltig.html
  3. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl – die Biologie des menschlichen Verhaltens, München 2017

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