Übersterblichkeit Männer Covid 19 Grafik

Übersterblichkeit von Männern durch Corona wird unterschätzt – Neue Erkenntnis: zwei bis dreimal so hohe Mortalität

In jeder Altersgruppe sterben coronabedingt rund zwei bis dreimal so viele Männer wie Frauen je 100.000 Männer beziehungsweise Frauen. Nur aufgrund des hohen Frauenanteils in der Bevölkerungsgruppe der über 80-Jährigen liegt der Anteil der Männer an den Corona-Opfern bundesweit bei „lediglich“ rund 55 Prozent. Vereinfacht gesagt sterben Männer deshalb nicht häufiger an Corona, weil sie zuvor schon an anderen Erkrankungen oder bei Unfällen verstorben sind.

Die wichtigsten Fakten in Kürze:

  • In mehr Männer als Frauen je 100.000 Einwohner an den Folgen der Covid19-Pandemie.
  • Das wahre Ausmaß der Übersterblichkeit wird teilweise dadurch verschleiert, dass ältere Menschen häufiger weiblich sind. So sind rund 60 Prozent der über 80-jährigen Frauen.
  • Corona könnte den zuletzt gesunkenen, aber immer noch großen Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern von fast fünf Jahren wieder vergrößern.
  • Besonders stark betroffen sind teilweise auch Migranten.
  • Alter bleibt aber der wichtigste Risikofaktor

Bis 24. November 14.346 coronabedingte Todesfälle erfasst

In seinem jüngsten Bericht zur Zahl der Sterbefälle nach Geschlecht führt das Robort-Koch-Institut insgesamt 14.346 Fälle auf, deutlich mehr als noch vor einer Woche. Davon waren 7.951 Männer und 6.395 Frauen. Männer sind also deutlich stärker von Corona betroffen als Frauen. Allerdings verdeckt die Tatsache, dass es in den besonders betroffenen Altersgruppen ab 80 deutlich mehr Frauen als Männer gibt die tatsächliche Übersterblichkeit von Männern. 

Todesfälle Corona nach Geschlecht Grafik

Die Grafik zeigt die coronabedingten Todesfälle nach Geschlecht. Grafik von Gesund.men auf Basis von Daten des rki. Nachdruck mit Quellenangabe erlaubt.

Das zeigt schon ein Blick auf die Altersgruppen, in denen es ähnlich viele Männer wie Frauen gibt. So gibt es nur in den Altersgruppen der über 90- und der über 100-Jährigen mehr weibliche als männliche Todesopfer. Bei den 30 bis unter 60-Jährigen, bei denen es ähnlich viele Frauen wie Männer gibt, liegt die Zahl der männlichen Corona-Opfer beim 2,0 bis 2,7-fachen. 

2,9-faches Risiko für Männer in der Altersgruppe 60 – 69

Um die krankheitsbedingte Mortalität für beide Geschlechter zu berechnen, habe ich die vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen zu Corona-Toten nach Geschlecht ins Verhältnis zu den aktuellen Bevölkerungszahlen des Statistischen Bundesamtes gesetzt. 

Besonders groß ist demnach der Geschlechtsunterschied bei den 60 bis unter 70-Jährigen. Hier sterben von 100.000 Männern 16,5, von 100.000 Frauen aber nur 5,7. Damit ist die Zahl der Toten je 100.000 bei Männern 2,9 Mal so hoch wie bei Frauen.

Auch bei den 50 bis unter 60-Jährigen und den 70 bis unter 80-Jährigen liegt die Zahl der Toten bei den Männern um den Faktor 2,7 beziehungsweise 2,5 höher. Bei den unter 50-Jährigen sind Männer ebenfalls deutlich stärker betroffen, allerdings liegt die Zahl der Todesopfer je 100.000 Menschen dort „nur“ etwa doppelt so hoch.   

Für die Altersgruppe der über 80-Jährigen lässt sich kein sinnvolles Verhältnis ausrechnen, weil das die Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Bundesamtes das Alter ab 85 Jahren nicht weiter aufgliedert. Ein Vergleich aller Männer über 80 mit Frauen über 80 ist nicht sinnvoll, weil die beiden Gruppen zu unterschiedlich sind. So ist bei den Frauen der Anteil von über 90-Jährigen in dieser Gruppe weit höher, was die Vergleichbarkeit einschränkt. 

Mortalität Corona nach Geschlecht Grafik

Coronabedingte Mortalität von Männern in Relation zur Mortalität der Frauen. Ein Wert von 2,0 bedeutet beispielsweise, dass von 100.000 Männern doppelt so viele versterben wie von 100.000 Frauen. Eigene Berechnung von Gesund.men auf Basis von Daten des rki und des Statistischen Bundesamtes. Nachdruck mit Quellenangabe erlaubt.

Hoher Frauenanteil bei alten Menschen überdeckt Geschlechtseffekt

Dass in der Gesamtbevölkerung dennoch „nur“ 1,24 verstorbene Männer auf eine verstorbene Frau kommen, liegt vor allem daran, dass es insgesamt deutlich mehr ältere Frauen als Männer gibt. Bei gleicher Altersstruktur für Männer und Frauen würde die Zahl der Todesfälle von Männern mehr als doppelt so hoch liegen. Denn das Alter bleibt – noch vor dem Geschlecht – der Risikofaktor Nummer 1. Die Zahl der Toten je 100.000 Einwohner liegt für Frauen immer höher als für Männer der darunter liegenden Altersgruppe. So sterben 16,5 je 100.000 Männer in der Altersgruppe der 60 bis unter 70-Jährigen, aber 22,1 von 100.000 Frauen in der Altersgruppe der 70 bis unter 80-Jährigen. Der Risikofaktor Alter schlägt also den Risikofaktor Geschlecht.

Vermutlich spielen mehrere Gründe zusammen

Warum Männer so viel häufiger betroffen sind als Frauen, ist noch unklar. Eine Erklärung könnte im Enzym ACE2 liegen. Es hat eine Schutzwirkung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Corona-Viren scheint es aber als Einfallstor zu dienen. Insgesamt scheint das Immunsystem von Frauen generell stärker zu sein.  

Verstärkt werden könnten diese Faktoren durch die Tatsache, dass deutlich mehr Männer als Frauen in Berufen tätig sind, in denen die Lungen stark geschädigt werden, beispielsweise Tätigkeiten in der Industrie oder im Baugewerbe. Ich selbst habe als Schüler am Samstag als Nebenjob Rohre in einem Eisenwerk ausgeschliffen und hatte bis Mittwoch Staub in der Nase. Wie die Lunge von den (meist ausländischen) Männern aussieht, die dort jeden Tag gearbeitet habe, will ich gar nicht wissen. 

Das könnte auch erklären, warum die Zahl der Todesfälle vor allem bei Männern ab 50 deutlich über derjenigen der Frauen liegt. In diesen Generationen ist auch Rauchen bei Männern deutlich stärker verbreitet. Auch sind Männer nicht nur häufiger übergewichtig, sie neigen auch deutlich eher zur risikoreicheren „Apfelform“. 

Unterschiedliche Verhaltensweisen könnten ebenfalls eine Rolle spielen. „Letztendlich muss man den Dingen wirklich sehr tief auf den Grund gehen, um sie plausibel und gut wissenschaftlich erklären zu können“, schreibt ein Stuttgarter Arzt. Im Gespräch sind beispielsweise auch unterschiedliche Verhaltensweisen, etwa ein höherer Lautstärkepegel in Männergruppen. Dabei werden auch mehr Viren freigesetzt. Und den Anschein von Unverletzlichkeit aufrechtzuerhalten ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil von Männerbildern. Deshalb gibt es auch diese Seite.  Denn die Folge ist, dass Männer sich zu wenig um ihre Gesundheit kümmern und zu wenig zu ihrem Schutz unternehmen. 

Pandemie könnte Erfolge bei der Reduzierung des Geschlechtsunterschieds zunichtemachen

Als Folge der Pandemie könnte die seit einigen Jahrzehnten leicht zurückgehende Differenz in der Lebenserwartung wieder ansteigen. Eine Schätzung von Gesund.men auf Basis der Daten des Robert-Koch-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass das Durchschnittsalter der verstorbenen Männer im Schnitt rund fünf Jahre unter dem der Frauen liegt. Das entspricht auf den ersten Blick dem aktuellen Unterschied in der Lebenserwartung von 4 Jahren und 10 Monaten.

Allerdings wird dabei übersehen, dass dieser Unterschied sich auf die Lebenserwartung bei Geburt bezieht. Mehr als 50 Prozent der Todesfälle sind mehr als 80 Jahre alt. In dieser Gruppe liegt der Unterschied in der Lebenserwartung bei unter zwei Jahren. Auch für 60-Jährige beträgt er „nur“ rund dreieinhalb Jahre. Somit dürfte die Corona-Pandemie die Bemühungen um eine Reduzierung des Unterschieds in der Lebenserwartung teilweise zunichtemachen.

Warum ist die Übersterblichkeit von Männer kaum ein Thema?

Als die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Juni einen großen Artikel zum Thema Corona brachte, war die Übersterblichkeit von Männern kein Thema. Auf der Internetseite einer Softwarefirma landete die höhere Sterblichkeit von Männern sogar als gute Nachricht. Es sei erfreulich, dass Frauen und Kinder weniger betroffen seien. Für die Kinder mag man diese Einschätzung teilen, dass aber der Tod von Männern als weniger schlimm als der von Frauen gesehen wird, ist unverständlich. 

Überlegungen, wie man die Übersterblichkeit von Männern verringern könnte, gibt es aber kaum. Der Umstand wird achselzuckend zur Kenntnis genommen, ein Aufruf des Netzwerkes Global Action on Men’s Health  verhallte weitgehend unbeachtet. 

Warum ist das so? Die Antwort lautet oft, dass die Übersterblichkeit von Männern ausschließlich biologisch sei. Das aber ist längst noch nicht bewiesen. Und es ist auch kein gutes Argument in einem Sozialstaat. Das Problem scheint zu sein, dass das Bild vom „starken Geschlecht“ noch immer in vielen Köpfen vorhanden ist. 

Sollen Männer zuerst geimpft werden?

Es stellt sich die Frage, ob das Geschlecht bei der Priorisierung zur Impfung eine Rolle spielen sollte. Die Daten zeigen klar, dass das Geschlecht nicht der bestimmende Faktor ist, sondern zunächst das Alter. Auch einzelne Migrantengruppen sterben häufiger an Corona. Allerdings ist das Geschlecht ein wichtiger Faktor.

Eine pauschale Einordnung der Männer als Risikogruppe ist daher nicht gerechtfertigt. Allerdings könnte es trotzdem sinnvoll sein, bei der Vergabe das Geschlecht zu berücksichtigen. Denkbar ist beispielsweise, dass zunächst zentrale Berufsgruppen wie medizinisches Personal und besondere Risikogruppen wie Lungenkranke geimpft werden und anschließend eine Priorisierung nach dem Alter erfolgt. In diesem Fall sollten Männer einen „Alterszuschlag“ von fünf bis sieben Jahren bekommen.

Angesichts der bisher noch großen Nebenwirkungen der Impfung stellt sich aber die Frage, ob die Nachfrage überhaupt so groß sein wird, dass die Impfung rationiert werden muss.

Fragen und Antworten zu Corona bei Männern


Wer gehört zur Risikogruppen Corona RKI?

Das Robert-Koch-Institut (rki) zählt ältere Menschen, Männer, Raucher und stark übergewichtige Menschen zu den Risikogruppen. Hinzu kommen Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, chronische Lungenerkrankungen oder Krebs.

Sind Männer eine Corona Risikogruppe?

Generell gilt, dass das Alter unter den demografischen Merkmalen das wichtigste ist. Allerdings sterben bei gleichem Alter Männer zwei bis dreimal häufiger als Frauen.

Was Corona mit unserer Psyche macht

Corona ist für viele Menschen eine große Belastung. Zur Angst vor der Krankheit kommt die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und die soziale Isolation. Zu beachten ist, dass sich Depressionen und Ängste bei Männern anders zeigen als bei Frauen.

Warum sterben Männer häufiger an Corona?

Ein Hauptverdächtiger ist das Enzym ACE2. Hinzu kommt, dass das Immunsystem von Frauen in der Tendenz stärker zu sein scheint als das von Männern. Daneben gibt es aber wohl auch sozial bedingte Faktoren. Dazu gehören eine höhere Zahl von Rauchern unter Männern, eine stärkere Tendenz zum Übergewicht und die Tatsache, dass Männer deutlich häufiger in Berufen arbeiten, die stark die Lungen schädigen, etwa in der Industrie, im Bergbau oder im Baugewerbe.

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