Männer beim Sport

Resilienz bei Männern: Sind alte „männliche“ Tugenden doch nicht so schlecht?

Männer bringen sich häufiger um, sie trinken zu viel Alkohol und nehmen zu wenig Rücksicht auf sich selbst. Auch deshalb sterben sie so viel früher. Viele Menschen, darunter auch ich, vermuten, dass dazu unter anderem die Tradition beiträgt, dass wir „unseren Mann stehen“ sollen. Männer weinen nur heimlich und ertrinken ihren Frust lieber in Alkohol. Doch dem widerspricht der britisch-philippinische Psychologe Dennis Relojo-Howell zumindest teilweise. Die alten britischen Tugenden der „stiff upper lip“ (steife Oberlippe) und „rub some dirt on it“ (reibe einfach Dreck darauf (und mache dann weiter)) kultivieren seiner Meinung nach eine Resilienz, die aktuell verloren zu gehen scheint.

Die Thesen des Dennis Relojo-Howell

„Being a snowflake is bad for your mental health“, schrieb Relojo-Howell in einem Beitrag für das britische Online-Magazin The Critic. Als Snowflakes, also Schneeflocken, werden meist junge Menschen bezeichnet, die wenig belastbar sind und sich schnell angegriffen oder benachteiligt fühlen.

Zähne zusammenbeißen und den Schmerz mit etwas Schmutz weg reiben – fördert das die Resilienz bei Männern oder nur psychische Erkrankungen? Bild von Pete Curcio auf Pixabay.

Dieses Thema hat Relojo-Howell, der selbst ohne Strom und ohne fließendes Wasser in einem Slum in Malabon bei Manila aufwuchs, mehrfach aufgegriffen. Seiner Meinung nach ist Resilienz eine verschwindende Tugend, weil Verantwortung an die Gesellschaft und den Staat delegiert werde. Tatsächlich erschien vor Kurzem in Deutschland ein Buch über Resilienz im Alter, das genau diesen Tenor hatte. Die Forderung nach Resilienz sei „neoliberal“, heißt es dort. Stattdessen müssten Staat und Gesellschaft ein Umfeld schaffen, in dem Widerstandskraft gegen Unbill nicht nötig ist.

Zu viel Selbstmitleid schadet der Gesundheit, sagt Relojo-Howell

Neben genetischen Faktoren sind nach Relojo-Howell vor allem zwei Dinge für das erfolgreiche Meistern einer psychischen Krise wichtig. Der eine ist das soziale Umfeld, also die Unterstützung durch andere Menschen. Der zweite ist das Gefühl, selbst über das Leben zu entscheiden. Das aber geht seiner Meinung nach verloren, wenn für alle Probleme „die Gesellschaft“ oder „der Staat“ verantwortlich gemacht wird.

Obwohl so viel unternommen werde, um junge Menschen vor „Mikroaggressionen“ und anderen negativen Erlebnissen zu schützen, seien sie heute öfter von psychischen Problemen betroffen. Allerdings bleibt offen, ob die gestiegene Zahl psychologischer Behandlungen wirklich einer Zunahme der Probleme entspringt oder nur der Tatsache, dass sie heute häufiger behandelt werden (eine Diskussion, die wir auch bereits bei der Frage geführt haben, warum Frauen doppelt so häufig wegen psychischer Leiden behandelt werden).

Auch die Kauai-Studie (siehe unten) kommt allerdings zu dem Schluss, dass sich die Stressbelastung der 1970 geborenen gegenüber den 1958 geborenen verdoppelt hat. Wobei dafür natürlich auch andere Gründe als mangelnde Resilienz infrage kommen, etwa Veränderungen in der Familienstruktur, in der Medienlandschaft oder der Arbeitswelt.

Dennis Relojo-Howell wuchs in einem Slum in Malabon (bei Manila) auf und war selbstmordgefährdet. Ob es dort ähnlich aussah, wie auf dem Bild eines Slums in Manila oben, weiß ich nicht. Allerdings berichtet er selbst, dass es weder fließendes Wasser noch Strom gab.

Ist die Resilienz bei Männern höher oder niedriger?

Dass Relojo-Howell mehrere Begriffe verwendet, die traditionell vor allem unter britischen Männern verwendet wurden, hat Gründe. Einer ist, dass er mittlerweile in Großbritannien lebt. Der zweite, dass Männer resilienter seien als Frauen.

Die kenianische Studie

Relojo-Howell zitiert dabei eine Studie, die in Kenia mit Binnenflüchtlingen durchgeführt wurde (Lenah J. Sambu & Sibusiso Mhong: Age and Gender in Relation to Resilience After the Experience of Trauma among Internally
Displaced Persons (IDPS) in Kiambaa Village, Eldoret East Sub-County, Kenya
). Demnach nutzen Männer stärker „individuelle Schutzfaktoren“, da sie der Studie zufolge weniger kommunizieren und weniger Empathie erhalten als Frauen. Das interpretiert Relojo-Howell als höhere Resilienz bei Männern.

Women tend to utilize familial and community protective
factors, while men depend more on individual protective factor

Lenah J. Sambu & Sibusiso Mhongo

Allerdings bezieht sich die kenianische Studie nur auf elf Männer und ebenso viele Frauen.

Die Kauai-Studie

Eine US-Studie mit Kindern kommt zu einem anderen Ergebnis. In ihre Vortrag zum Thema Die Relation Resilienz, Geschlecht und Gesundheit bezieht sich die Caritas-Fachreferentin für Prävention Antje Richter-Kornweitz auf eine Studie, die von den US-Psychologinnen Emmi Werner und Ruth Smith auf der Insel Kauai durchgeführt wurde. Sie gilt als einer der ältesten und größten Studien zur Resilienz. Demnach kommen Mädchen mit Stress und Belastung deutlich besser klar als Jungen.

Mädchen schienen unter den resilienten Kindern der Kauai-Studie eindeutig stärker vertreten zu sein als Jungen: Sie zeigten seltener Verhaltensauffälligkeiten und hatten ein positiveres Bild von sich als Jungen.

Antje Richter-Kornweitz

Beide Studien widersprechen sich nicht

Allerdings widersprechen beide Studien sich nicht unbedingt. Sie betonen beide, dass Mädchen mehr soziale Unterstützung mobilisieren können. Das zeigt sich etwa beim Thema Selbstmord. Frauen unternehmen häufiger als Männer Selbstmordversuche, sie bringen sich allerdings seltener wirklich um. Stattdessen sind diese Versuche oft Hilferufe. Männer scheinen weniger auf Kraft solcher Hilferufe zu vertrauen und töten sich tatsächlich.

Wie erwähnt betont Dennis Relojo-Howell, dass neben genetischen Faktoren vor allem das soziale Umfeld und das Gefühl, selbst über das eigene Schicksal zu entscheiden, eine Rolle bei der Frage spielen, wie gut Krisen gemeistert werden. Gerade beim ersten Punkt liegen die Frauen vorne. Möglich, dass Männer mehr Strategien entwickelt haben, selbst mit Krisen klarzukommen und trotzdem schlechter abschneiden, weil die soziale Unterstützung so wichtig ist.

Was heißt das für das Thema Resilienz bei Männern

Liege ich also falsch, wenn ich finde, dass Männer manchmal etwas weniger die Zähne zusammenbeißen sollten? Auch hier gibt die Kauai Studie interessante Einblicke. Demnach sind Mädchen resilienter, wenn sie Geschlechtsstereotype aufweisen, die sonst typisch für Jungen sind, also etwas männlicher sind (Ergebnisse zitiert nach Richter-Kornweitz, Antje: Die Relation Resilienz, Geschlecht und Gesundheit). Allerdings bedeutet das nicht, dass auch Jungs besser durch Krisen kommen, wenn sie besonders männlich sind.

Resiliente männliche Jugendliche der Kauai –Studie zeigen geschlechtsuntypische Ausprägungen von Fürsorge, emotionaler und sozialer Orientierung

Antje Richter-Kornweitz

Vielmehr ist es für die Buben vorteilhaft, wenn sie sich etwas „mädchenhafter“ verhalten, also sozial und emotional orientiert sind.

Mein Fazit zur Resilienz bei Männern

Ich weiß nicht, ob Dennis Relojo-Howell und Antje Richter-Kornweitz mir zustimmen würden, aber für mich kristallisiert sich aus den Ergebnissen der von beiden vorgestellten Studien heraus, dass auch beim Thema Resilienz bei Männern ein Mittelweg angebracht ist. Kinder müssen lernen, auch Niederlagen auszuhalten. Aber sie müssen auch wissen, dass sie auf Hilfe zählen können, wenn es ihnen wirklich schlecht geht. Sprüche wie „ein Junge weint nicht“ sind dann unangebracht.

Sport ist da eine echte Möglichkeit, das zu lernen. In der Schule hatten wir einen Lehrer, der jährlich ein Sportfest organisierte, bei dem es keine Platzierungen gab, damit niemand traurig sein muss. Besonders wir Buben hassten das, wir wollten Wettkämpfe – und das ist auch gut so. Lernen zu verlieren, ist wichtig, Kritik auszuhalten, ist wichtig. So gesehen hat Dennis Relojo-Howell recht.

Ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass gerade wir Männer auch lernen müssen, um Hilfe zu bitten. Und dass natürlich unsere Söhne auch weinen dürfen, wenn sie gerade im Fußball, Handball oder wo auch immer verloren haben. Sie sollen lernen, ihren Ärger auszusprechen, ohne zu erwarten, dass die Eltern dann das Problem auch dann lösen, wenn sie es selbst könnten (das gilt für die Töchter analog).

Und für uns erwachsene Männer heißt das in meinen Augen, bei großen Problemen ebenfalls Hilfe zu suchen (eventuell auch professionelle Hilfe durch eine Therapie), aber gleichzeitig nicht zu erwarten, dass uns alle Probleme abgenommen werden.

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