Gesundheitspolitik Männergesundheit

Welche Rolle spielt in das Thema Männergesundheit bei den Parteien?

Unsere Befragung zum Thema Männergesundheit anlässlich des Tags der ungleichen Lebenserwartung am 10. Dezember bringt zwei überraschende Erkenntnisse, nämlich

  1. fast alle befragten Parteien finden das Thema wichtig, obwohl bisher nur wenig in diesem Bereich getan wird und
  2. am tiefsten ist der Graben zwischen den linken Parteien (Linkspartei, SPD) und Bündnis90/Die Grünen.

Linke Parteien vs. Grüne

Meistens ziehen Linkspartei, Bündnis90/Die Grünen und SPD gleichstellungspolitisch an einem Strang. Sie haben traditionell deutlich weitgehendere Vorstellungen von Geschlechtergleichheit als CDU, CSU oder FDP. Beim Thema Männergesundheit läuft die Konfliktlinie aber am deutlichsten zwischen Linkspartei und Bündnis90/Die Grünen.

Linke gegen…

Keine Partei hat so schnell und so umfangreich geantwortet wie die Linkspartei. Unserer These, dass die Angleichung der Lebenserwartung ein wichtiger Punkt sei, stimmt der Abgeordnete Achim Kessler (beziehungsweise sein Mitarbeiter) in seinem Schreiben voll zu. Kessler ergänzt gleich noch, dass selbstverständlich auch die niedrigere Lebenserwartung von materiell weniger gut gestellten Menschen ein Thema sein müsse und neben Männern und Frauen auch andere Geschlechtsidentitäten berücksichtigt werden sollten.

Ähnlich äußerte sich auch Gabriela Heinrich für die SPD. Sie sieht die niedrigere Lebenserwartung von Männern ebenfalls als Problem und stellt fest, dass es dafür keinesfalls nur biologische Gründe gäbe. Sie ergänzt gleich noch, dass das in ihren Augen auch für andere „Männerprobleme“ wie Obdachlosigkeit und die höhere Zahl von Männern im Strafvollzug gelte.

…Grüne und Liberale

Ganz anders dagegen Bündnis90/Die Grünen. Ein Mitarbeiter von Frau Göring-Eckardt teilt uns mit, dass die Verringerung des Unterschieds in der Lebenserwartung kein Ziel für Bündnis90/Die Grünen sei. Die niedrigere Lebenserwartung von Männern liege außer in der Biologie nur im eigenen Verschulden der Männer. Einen Einfluss von Rollenbildern und -erwartungen sieht er nicht. Überraschend für eine Partei, die in der Vergangenheit gerne behauptet, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen ausschließlich anerzogen seien.

Überrascht hat mich auch die Offenheit, mit der der Mitarbeiter feststellt, dass biologische Nachteile von Menschen kein Thema für die Politik seien. Ein deutlicher Kontrast zur Position von Linkspartei und SPD, die unserer These zustimmen, dass Hilfe für die Schwachen (und das sind in puncto Lebenserwartung die Männer) ein grundsätzliches Ziel sei.

Die FDP scheint das ähnlich zu sehen, sie antwortet als einzige befragte Fraktion erst gar nicht.

Union in der Mitte

Für die Unionsparteien erhalten wir eine Antwort aus München von der CSU, die weniger umfangreich ausfällt als die der beiden linken Parteien, dafür aber auch gleich etwas vorweisen kann. Denn dort kann man immerhin auf eine Internet-Seite verweisen, die die bayerische Staatsregierung zum Thema Männergesundheit ins Leben gerufen hat (zu der Seite geht es hier). Außerdem erklärt man uns, dass der aktuelle bayerische Ministerpräsident Söder als bayerischer Gesundheitsminister einen Männergesundheitsbericht auf den Weg gebracht habe. Leider war das schon im Jahr 2011, man bekommt den Eindruck, dass das Thema Männergesundheit in den vergangenen fünf Jahren extrem an Dynamik verloren hat.

Warum passiert so wenig?

Mit Ausnahme der Grünen sprechen sich alle antwortenden Parteien für die Verringerung des Unterschieds in der Lebenserwartung aus Ziel aus. Praktisch folgt daraus aber wenig. Stefan Göhlert von Bündnis90/Die Grünen schreibt dazu: „Selbst wenn man dahin gehend überein käme [, dass die Reduzierung der Ungleichheit bei der Lebenserwartung ein Ziel ist] (was ich nicht tue): Wo ansetzen?“

Tatsächlich lässt sich Geschlechtergleichheit bei der Lebenserwartung nicht mit einer Quote erzwingen. Dass die Politik keine Möglichkeiten hätte, ist aber eine faule Ausrede. Ein erster Schritt wäre mehr Forschung, wie bereits kritisiert wendet das Robert-Koch-Institut deutlich mehr Ressourcen für das Thema Frauen- als für die Männergesundheit auf. Aber auch bei den Themen Vorsorge und Aufklärung ist noch Luft nach oben. Sicher wäre es falsch, die Gesundheitsaufklärung vollständig nach Geschlechtern auszurichten. Viele Probleme von Männern und Frauen sind identisch und sollten auch gemeinsam angesprochen werden. Das bedeutet aber nicht, dass ergänzend dazu nicht Aktionen sinnvoll sein können, die gezielt Männer ansprechen. Das geschieht schließlich auch umgekehrt.

Tatsächlich machten die meisten Parteien auch praktisch Vorschläge, die Linkspartei sprach sich beispielsweise für eine bessere Hodenkrebs-Vorsorge aus. Konkret wird aber bisher nur wenig getan. Es fehlt also nicht an den Möglichkeiten, sondern am Willen.

Zur Befragung

Im Rahmen der Befragung wurden alle Parteien angeschrieben, die im Bundestag und mindestens einer Landesregierung vertreten sind. Das sind CDU, CSU, SPD, FDP, Linkspartei und Bündnis90/Die Grünen. CDU und CSU wurden der Einfachheit halber allerdings gemeinsam angeschrieben. Die FDP antwortete nicht im nötigen Zeitrahmen.

Wir baten die Parteien um eine kurze Darstellung ihrer Position zum Thema Männergesundheit, außerdem um eine Einschätzung, wie man die Ungleichheit in der Lebenserwartung reduzieren kann. Ebenfalls baten wir die Parteien darum, ob sie ein konkretes Ziel in Bezug auf die Lebenserwartung von Männern und Frauen haben, beispielsweise die Angleichung auf weniger als 3 Jahre bis 2030. Hier nannte aber keine Partei ein konkretes Ziel.

14 Kommentare

  • Danke für diese Umfrage bei den Parteien. Finde es wichtig und nützlich, dass man solche Positionen in der Politik sichtbar macht.
    Die Antwort der Grünen ist schon ein happiger Affront.

    • @Klaus K.: Ja, das sehe ich auch so. Die Position der Grünen ist in meinen Augen nicht rational zu erklären, wenn man sie mit den sonstigen Positionen der Partei abgleicht. Ich war selbst Mitglied der Partei und entsprechend überrascht von dieser eindeutigen und unverständlichen Stellungnahme.

      • Tja, überzeugter Unterstützer „war“ ich auch 30 Jahre lang. Aber eben aus genau diesem Grunde nicht mehr. Das ist kein Einzelfall sondern systematische Doppelmoral. Für mich jetzt traurigerweise unwählbar geworden.

  • „… nicht rational zu erklären, wenn man sie mit den sonstigen Positionen der Partei abgleicht.“

    Naja, Doppelstandards sind dort Markenzeichen. Wenn es um Frauen in den Vorständen geht, dann wird mit großer Geste auf Art. 3 GG verwiesen und die dort verankerte unabdingbare Pflicht, „bestehende Nachteile“ beseitigen. Biologische Ursachen dafür, daß Frauen sich lieber um ihre Kinder kümmern anstatt sich für eine unsichere Karriere abzuhetzen, werden empört zurückgewiesen. Bei „bestehenden Nachteilen“ zu ungunsten von Männern reichen auf einmal vage Hinweise auf biologische Ursachen aus, diese Nachteile als ganz natürlich anzusehen.

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  • Wieso wurde die AfD eigentlich nicht befragt? Gut, sie ist zwar nicht in unmittelbarer Regierungsverantwortung, über ihre Rolle als Oppositions-Partei kann sie aber doch Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen.
    Und spätestens zu den Bundestagswahlen im September ist dann auch mal interessant, wie wichtig für die AfD das Thema Männergesundheit ist.

    So müsst ihr euch dann auch mal fragen lassen, ob ihr mit der AfD grundsätzlich nicht zusammenarbeiten wollt, weil es ja die böse AfD ist.
    Vielleicht habt ihr aber auch Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden, wenn ihr die AfD befragt. Wichtig sollte sein, WAS jemand sagt, nicht wer etwas sagt.

    Oder wollt ihr nur keine „Werbung“ für die AfD machen, weil sie, je nach Antwort, noch mehr Zulauf bekommen könnte.
    Wer den Artikel aufmerksam liest, müsste eigentlich recht deutlich sehen, von wem er sich als Mann noch politisch vertreten sehen kann von den „etablierten“ Parteien. „Werbung“ für die AfD ist es dann im Grunde auch ohen explizite Befragung.

    Dabei darf man wohl getrost annehmen, dass die meisten AfD-Wähler nicht „rechts“ sind, es gibt in Deutschland nämlich keinen Rechtsruck, sondern eine Linksflucht.

    Weil normaldenkende Männer sich von Links-Rot-Grün nicht mehr vertreten fühlen (können).

    • Hallo, die AfD wurde nicht befragt, weil sie keiner Landes- oder Bundesregierung angehört. Das wird auf absehbare Zeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch so bleiben, weshalb die Meinung der AfD auch nur bedingt spannend ist. Natürlich hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass ich der Partei recht kritisch gegenüberstehe.

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