Bild eines Hundes, der aussieht wie ein Schwein und traurig wirkt als Illustration zum Thema Selbstverletzung

Jungen verletzen sich häufiger selbst – kann das auch ein positives Zeichen sein?

Die Frage scheint absurd, ob die zunehmende Selbstverletzung bei Jungen auch eine positive Seite haben kann. Natürlich ist Selbstverletzung zunächst einmal etwas Schlechtes. Nicht nur der körperlichen Schmerzen wegen, sondern weil die Ursache meist ein noch größerer seelischer Schmerz ist. Doch eine Selbstverletzung ist besser als ein Selbstmord oder die Selbstzerstörung durch Drogen. Und oft auch besser als das Verletzen von anderen. Vielleicht haben die Männer vergangener Generationen ihren Frust häufiger bekämpft, indem sie sich durch Alkohol zerstörten oder Gewalt gegen andere ausübten und heute neigen sie mehr zur Selbstverletzung.

Man könnte auch sagen, Männer und Frauen werden sich in ihrem Umgang mit Frust einfach ähnlicher.

Eine Einschränkung vorweg

Um es vorwegzunehmen: Ich kann meine These, dass Selbstverletzungen teilweise noch schlimmere Formen der Selbstzerstörung ersetzt, nicht belegen. Ich will auch gar nicht behaupten, dass meine These wahr ist. Ich möchte sie zur Diskussion stellen, gerne auch mit Kommentaren unter diesem Beitrag.

Die Daten

Nach Aussagen des Psychologen Harry Friebel haben sich zwischen 1,0 und 1,2 Millionen Jugendliche irgendwann einmal selbst verletzt. Das bedeutet nicht, dass sie das regelmäßig tun, sondern nur, dass sie sich bisher mindestens einmal selbst verletzt haben. Davon dürfte ein Drittel bis ein Viertel Jungen sein. In der Vergangenheit war nur rund ein Zehntel männlichen Geschlechts.

Mögliche Erklärungen

Für den Psychologen Harry Friebel selbst liegt ein wichtiger Grund für die steigende Selbstverletzung in der Tatsache, dass sich Jungen in einem Konflikt sehen. Auf der einen Seite die von den Medien vermittelte Überlegenheit des Mannes über die Frau, auf der anderen Seite die Realität.

Doch die These scheitert aber an der Wirklichkeit. Tatsächlich werden Jungen und Männer in den Medien heute vor allem als gefährlich, tumb und in vielen Punkten den Frauen unterlegen dargestellt. Männer als Feindbild: Diese Diskriminierung muss aufhören, titelte die Zeitung Die Welt im März 2022. Und mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Väter im US-Fernsehen heute vor allem als Trottel dargestellt werden.1

Ist es vielleicht diese Abwertung, die jungen Männern zu schaffen macht? Oder das Fehlen jeglicher Orientierung? Es ist ja nicht so, dass Jungen einfach ihre weiche Seite zeigen und dann ist alles gut. Der sensible Alpha gilt als das neue Ideal – sozusagen die Eier legende Wollmilchsau.

Vielleicht ändern sich die Formen der Selbstverletzung nur?

Natürlich ringen junge Männer (und auch junge Frauen) um ihre Identität. Und tatsächlich stehen junge Männer vor dem Problem, dass die Gesellschaft ihn kein positives Rollenbild anbieten kann. Aber gab es bei jungen Männern nicht schon immer Formen der Selbstverletzung, die nur nicht als solche benannt werden?

Auch Harry Friebel spricht davon, dass riskanter Alkoholkonsum und zu große Risikobereitschaft ebenfalls Formen der Selbstverletzung sein können.

Gefühle wahrnehmen

Was, wenn die Jungen vergangener Generationen bei Frust eher zum Alkohol griffen und heute eben zum Messer? Oder häufiger ihren Frust durch das Eingehen hoher Risiken oder durch Gewalt auslebten? Einfach, weil man seine Gefühle lieber verdrängt, als akzeptiert?

Tatsächlich entwickelt sich der Alkoholkonsum bei jungen Männern günstiger als bei Frauen. Beides muss natürlich nicht zusammenhängen, diese Beobachtung ist kein Beweis, sondern bestenfalls ein Indiz für meine These. Aber vieles spricht für sie.

Opfer und Täter

Wer seinem Leid durch Selbstverletzung Ausdruck verleiht, wird eher als Opfer gesehen. Wer dagegen den Frust auf andere richtet, als Täter. Vor 100 Jahren war es für Männer oft besser, ein Täter zu sein als ein Opfer. Denn Opfer sein bedeutet Schwäche und schwach durften (und dürfen) Männer nicht sein. Auch deshalb unternehmen Frauen mehr Selbstmordversuche, doch Männer bringen sich viel häufiger tatsächlich um. Für Frauen ist ein Selbstmordversuch oft ein Hilfeschrei.

Screenshot Movember Kampagne
Die jeden November durchgeführte Movember-Kampagne konzentrierte anfangs vor allem auf Prostatakrebs und andere Männerkrankheiten, zuletzt wurde aber das Thema psychische Gesundheit von Männern immer wichtiger.

Meine These lautet also, dass Männer heute häufiger als früher zu Formen der Selbstverletzung greifen, die Schwäche ausdrücken. Umgekehrt greifen junge Frauen bei Kummer heute eher zur Flasche. Beide Ereignisse wurden und werden breit diskutiert, meist werden sie damit erklärt, dass die Probleme junger Menschen zugenommen hätten. Doch vielleicht gleichen sich beide Geschlechter im Umgang mit diesen Problemen nur an. Männer ritzen sich häufiger als früher, Frauen greifen statt zum Messer dagegen jetzt öfter zum Alkohol.

Wäre das eine gute Nachricht?

Wäre es eine gute Nachricht, wenn Männer sich lieber selbst verletzen als andere und seltener mit Alkohol ihre Sorgen bekämpfen? Ich meine ja. Die eigenen Gefühle überhaupt als solche wahrzunehmen und nicht zu verdrängen, ist ein Fortschritt. Also anzuerkennen, dass es mir schlecht geht und das Gefühl nicht mit Alkohol überdecken.

Der wichtigere Grund für die Veränderung ist in meinen Augen aber der zweite, nämlich dass Männern eher zugestanden wird, auch Schwäche zu zeigen. Auch das wäre ein Vorteil.

Mit der Zunahme von Selbstverletzungen bei Jungen geht kein Anstieg der Selbstmorde einher. Dagegen ist der höhere Alkoholkonsum von Männern einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Männer früher sterben.

Natürlich ist Selbstverletzung keine Lösung

Damit will ich nicht sagen, dass Selbstverletzungen kein Problem sind. Es gibt viele Dinge, die besser sind als Selbstverletzungen. Die einfachste ist Sport. Ich weiß, ich wiederhole mich. Doch ein moderates Sportpensum ist wichtig. Niemand muss einen Triathlon laufen, regelmäßig mit dem Fahrrad fahren, viel zu Fuß gehen und hin und wieder Sport im Fitnessstudio oder im Verein, das ist völlig ausreichend, ja vielleicht sogar besser als exzessiver Sport. Bewegung ist eines der wichtigsten Mittel zu einem längeren Leben, gerade für Männer.

Ein Allheilmittel ist Sport natürlich auch nicht. Häufig unterschätzt wird die Bedeutung guter Freunde. Bei schwereren psychischen Leiden ist professionelle Hilfe unerlässlich, also keine Angst vor dem Psychiater. Manche Probleme lassen sich natürlich auch einfach lösen. Bei einem schrecklichen Job ist ein Stellenwechsel allemal besser als Selbstverletzung.

Aber meine Behauptung war auch nie, dass Selbstverletzungen etwas Tolles sind. Ich behaupte stattdessen, dass sie Folge eines gesellschaftlichen Wandels sind und dass Alkoholismus und Selbstmord schlimmer sind als sich zu ritzen, ohne die dahinter stehenden Probleme kleinreden zu wollen.

  1. Siehe dazu u.a. Dines, Gail und Humez, Jean: Fred, Archie und Homer: Why Television Keeps Recreating the White Male Working Class Buffoon in Gender, Race and Class in Media, S. 575-585 oder Scharrer, Erica: From Wise to Foolish: The Portrayal of the Sitcom Father 1950s – 1990s in Journal of Broadcasting & Electronic Media, vol. 45, 1, 2001, S. 23-40

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.