Männer beim Sport

Gendersprache: Entspannen wir uns doch

Manche werden jetzt sagen: nicht schon wieder ein Beitrag zur Gendersprache. Das kann ich verstehen, ich finde nämlich auch, dass es wichtigere Themen gibt. Wir diskutieren mehr über Sternchen in Worten als darüber, dass Männer deutlich häufiger an Corona starben, ohne dass es die Öffentlichkeit groß interessiert hätte. Aber warum schreibe ich dann trotzdem darüber und das hat Gendersprache mit Männergesundheit zu tun? Die Antwort ist einfach: in einem Blog zum Thema psychische Männergesundheitsseite (Mens Mental Health (mens-mental-health.de)) erschienen gleich zwei kritische Beiträge dazu. Ich schätze die Seite Mens Mental Health, doch die Aufregung um die Sternchen mag ich nicht teilen.

Die Kritik von Mens Mental Health

Die Kritik von Prof. Dr. Michael Klein in den Beiträgen zielt vor allem in drei Richtungen, nämlich

  1. die Sprache wird dadurch kompliziert, was für einige Menschen ein Problem ist,
  2. das Sternchen wird oft vergessen und dann einfach von Bürgerinnen statt Bürger*innen gesprochen und
  3. im Zweifelsfall hat die weibliche Form Vorfahrt. Es heißt deshalb nicht Kund*e, sondern Kund*in.

Trotzdem mag ich mich darüber nicht ärgern, anders etwas als über die mangelnde Empathie Männern gegenüber oder die pauschale Abwertung von Männlichkeit (kommt morgen oder übermorgen). Die alte Sitte, lediglich die männliche Form zu nennen, schließt die Frauen schließlich noch weniger ein.

Und wenn die BILD-Zeitung sich über die Bezeichnungen Taliban*innen mit dem Hinweis beschwert, dass es sich bei diesen Fanatikern doch nur um Männer handele, hat sie damit schlicht unrecht. Die Bedeutung von Frauen im radikalen Islam wird von der Zeitung unterschätzt.

Was wären die Alternativen?

Prof. Klein (dem ich in vielen anderen Beiträgen zustimme) weist darauf hin, dass die klassische männliche Form auch Frauen einschließe. Aber das lässt sich über die Kund*in ebenso sagen. Wer sich als Kund*in nicht angesprochen fühlt, kann Frauen nicht verübeln, wenn sie sich als Kunde nicht angesprochen fühlen. Wobei das natürlich auch umgekehrt gilt. Wer sich darüber beschwert hat, dass der Begriff Kunde sie nicht einschließe, darf heute die Kritik an der Kund*in nicht verurteilen (ich verurteile die Kritik an der Gendersprache nicht, ich teile sie nur nicht).

Ich halte die Gendersprache bei allen Schwächen deshalb besser als die klassische Herangehensweise, nur die männliche Form zu verwenden und Frauen als damit eingeschlossen zu sehen.

Hinzu kommt, dass hier die postmarxistische Überhöhung von Sprache in der Kritik an der Gendersprache einfach mitgemacht wird. Ja, Sprache ist wichtig. Deutsche beschreiben „die Brücke“ häufiger mit Wörtern wie filigran oder schön als Spanier, wo es „el puente“ heißt, also „der Brücke“, und die damit eher Worte wie „stark“ verbinden. Aber unterm Strich sind andere Fragen wichtiger. Sowohl die Fans der Sternchen als auch ihre Gegner überschätzen den Einfluss der Sternchen.

Gendersprache pragmatisch sehen

Wie den meisten Lesern aufgefallen sein dürfte, verwende ich hier im Blog keine Gendersprache. Das liegt daran, dass zu meiner Zielgruppe überwiegend Männer gehören. Wenn ich Texte für Kunden schreibe, orientiere ich mich an deren Wünschen und schreibe dann durchaus auch mit Sternchen. Und was die Kritik von Prof. Klein angeht, gibt es durchaus Möglichkeiten darauf zu reagieren.

Dass der Stern in der Sprache teilweise verschluckt wird und dann nur von Bürgerinnen statt von Bürger*innen die Rede ist, ist richtig. Wenn ich Texte schreibe, habe ich das Problem natürlich nicht. Beim Sprechen lässt sich das ganz einfach lösen, indem man die Pause eben nicht vergisst, sondern bewusst setzt.

Screenshot von Welt.de
Die Zeitungen gehen unterschiedlich mit den Sternchen um. Einige nutzen sie, andere wie Die Welt nicht.

Was die Kund*innen, Ärzt*innen und Kolleg*innen angeht, so vermeide ich diese Begriffe einfach. Ohnehin versuche ich überwiegend so zu schreiben, dass nicht zu viele Sternchen im Text auftauchen. Ein einfacher Trick ist oft die direkte Anrede. Statt „Sollte die Kund*in unzufrieden sein…“ lässt sich oft schreiben: „Sollten Sie unzufrieden sein…“ Im klassischen Journalismus wurde die direkte Anrede nicht gerne sehen, im Netz wird das entspannter betrachtet. Und auch wenn Begriffe wie Studierende oder Mitarbeitende ebenfalls auf wenig Gegenliebe bei Sprachkritikern wie dem ehemaligen ZDF-Mann Peter Hahne stoßen, so sind sie in meinen Augen die beste Möglichkeit, geschlechtsneutral zu formulieren. Sprache ändert sich eben.

Trotzdem verzichte ich nicht ganz auf Sternchenwörter. Studierende und Mitarbeitende geht, aber Bürgernde gibt es eben nicht. Da greife auch ich dann zum/zur Bürger*in.

Es gibt den Ratschlag, öfter mal passivisch zu schreiben, also statt „man kann bestellen“ lieber „kann bestellt werden“. Aber das Passiv ist oft nicht besonders schön (in diesem Beispiel passt es gut, sonst oft nicht so sehr). Also schreibe ich auch mal Anteilseigner*innen. Aber ich achte eben darauf, dass ich überwiegend Worte verwende, die wirklich die männliche wie weibliche Form abbilden. Also Bürger*in, Inhaber*in, Mediziner*in, aber eben nicht Ärzt*in, denn die männliche Form ist nicht Ärzt, sondern Arzt. Oder eben die oben erwähnten Anteilseigner*innen statt der Aktionär*innen (oder den Singular verwenden, den Aktionär*in enthält beide Formen).

Kaum sinnvolle Alternativen

In meinem Buch, das ich gerade zum Thema „Alternative Fakten“ geschrieben habe und das hoffentlich bald im Ibidem Verlag erscheint, habe ich die weibliche und männliche Form abwechselnd verwendet. Wenn ich von Journalistinnen und Wissenschaftlern schreibe, meine ich also auch Journalisten und Wissenschaftlerinnen. Aber auch das sorgt für viel Verwirrung, etwa wenn dann von „weiblichen Lehrerinnen“ die Rede ist. Wenn eine Lehrerin aber auch ein Mann sein kann, sind solche Formulierungen unvermeidlichen.

Oft ist die beste Lösung das Ausschreiben beider Geschlechter, also „Liebe Kundinnen und Kunden“. Hier dürften die meisten Menschen sich angesprochen fühlen. Allerdings auch nicht alle und letztendlich kann das den Sachverhalt auch mal ziemlich in die Länge ziehen. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich den Kundinnen und Kunden sowie ihren Kolleginnen und Kollegen gegenüber gleichermaßen fair verhalten“. Ganz schön lang.

Wenn frau die SchülerInnenzeitung liest

Nun gehöre ich mit über 40 schon fast zum alten Eisen, allerdings bin ich auch jung genug, um von der Entwicklung nicht völlig überrascht zu sein. In der Schule hatten wir eine Lehrerin, bei der wir statt „man sagt, dass“ schreiben mussten „man/frau sagt, dass“. Und die Schülerzeitung, in deren Redaktion ich saß, nannte sich eine Zeit lang SchülerInnenzeitung. Für die jüngeren Lesenden: das Binnen-I war der Vorgänger des Gender-Sterns. Es war noch verwirrender, denn in vielen Schriftarten sieht das I aus wie ein l. Sie sehen den Unterschied nicht? Das eine ist ein großes i, das andere ein kleines L.

Fazit

Die Gendersprache ist nicht perfekt und ja, wir müssen aufpassen, Menschen nicht zu überfordern. Aber ich vermute, die meisten wissen, was mit Bürger*innen gemeint ist. Und auch wenn ich mich von „Liebe Kund*innen“ nicht besonders angesprochen fühle, ist das bei einer Frau, die ein Schreiben mit „Liebe Kunden“ erhält, noch weniger der Fall. In der Praxis versuche ich deshalb, Wörter wie „Studierende“ statt Student*innen zu verwenden oder andere Formulierungen zu finden. Aber manchmal geht das nicht oder ist nicht schön, dann spricht nichts gegen Attentäter*innen oder Räuber*innen, vor allem, wenn – wie in diesen beiden Wörtern – wirklich männliche und weibliche Form enthalten sind. Entspannen wir uns also und reden über wichtigere Themen.

Alternativ können Sie einfach auch alles verniedlichen und das Ärztchen, das Lehrerchen und das Politikerchen schreiben. Bei der Endung -chen ist das Wort nämlich immer sächlich.

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