Flight or Fight? Ich wähle Option 3

Ich bin eigentlich kein Fan davon, alle Eigenschaften moderner Menschen mit dem Leben in der Steinzeit zu begründen. Immerhin sind wir anpassungsfähig – vor allem unser Gehirn.  Aber es lässt sich auch nicht ganz leugnen, dass die hunderttausende von Jahren als Jäger und Sammler uns geprägt haben. Leider stören manche dieser Eigenschaften und heute und leider betrifft das uns Männer oft besonders stark, denn unser Lebensumfeld hat sich stärker verändert als das der Frauen.

Das ist beispielsweise dieser Instinkt zu kämpfen oder zu fliehen, englisch flight or fight. Je nachdem wie sich unser Körper entscheidet, werden wir in einen bestimmten Modus geschaltet. Entweder den Fluchtmodus oder den Kampfmodus. Zu theoretisch? Stellen wir uns vor, jemand lässt uns gegenüber eine dumme Bemerkung fallen. Was tun wir? Wir können kämpfen, also widersprechen und zum Gegenangriff übergehen. Das kann eine gute Strategie sein, wenn man dabei beherrscht und ruhig bleiben kann. Doch wenn wir in den „Kämpfen-Modus“ geschaltet werden, funktioniert das leider oft nicht mehr. Wir schreien, werden vielleicht sogar handgreiflich.

Kämpfen oder fliehen? Oder lieber tot stellen? Bild von Andreas Breitling auf Pixabay

Die zweite Option neben dem fight ist flight, also die Flucht. Wir verziehen uns, lassen ihn – oder sie – einfach reden. Das ist oft, aber nicht immer die bessere Wahl. Allerdings nicht die beste. Das nämlich ist Möglichkeit 3, die „Leck-mich-Option“. Wir hören uns das alles an, lassen uns aber nicht aus der Ruhe bringen.

Jetzt kommen wir wieder zur Steinzeit. Meine Theorie ist, dass gerade Männer zu selten die Option 3 wählen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn wenn wir einem Säbelzahntiger oder einem Höhlenbären gegenüber stehen, kann man nicht ruhig bleiben. Es sieht es so aus, als ob Frauen die Option 3 deshalb besser beherrschen. Damit meine ich nicht das völlig auf „Durchzug“ schalten, dass Männer durchaus können, denn das ist schon Flucht. Option 3 heißt, nicht zu fliehen und nicht zu kämpfen.

Wir wählen zu häufig die Option Kampf…

Stellen wir uns vor, wir haben Probleme mit unserem oder unserer Vorgesetzten. Wir könnten uns einen Kleinkrieg mit ihm oder ihr liefern (Kampf). Wir können kündigen und uns einen neuen Job suchen, das wäre Flucht. Diese Option scheinen Frauen deutlich häufiger zu wählen als Männer. Kein Wunder, denn wer in der Steinzeit immer gleich floh, brachte keine Beute nach Hause. Und damit unterlag er auch im Wettbewerb zwischen den Männern um die Gunst der Frauen.

Während Säbelzahntiger ausgestorben sind, gilt letzteres Problem bis heute. Das ist vermutlich auch der Grund, warum Testosteron die Dominanzorientierung erhöht (nicht dagegen, wie früher oft behauptet, die Aggressivität – beziehungsweise nur indirekt, wenn Aggressivität zu Dominanz führt).1

Feministinnen beklagen deswegen oft, dass Frauen zu häufig fliehen oder erdulden und zu selten kämpfen würden. So gesehen wäre es eine Win-win-Situation, wenn wir Männer öfter mal den Kampf-Modus ausgeschaltet lassen. Denn er ist zwar einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Männer in Politik und Beruf erfolgreicher sind als Frauen, aber auch dafür, dass sie früher sterben und trotz ihrer im Durchschnitt höheren Einkommen nicht glücklicher oder zufriedener sind als Frauen. Mehr Gelassenheit ist nämlich für Körper und Geist gleichermaßen wichtig. So wirkt das Stresshormon Cortisol dämpfend auf die Immunabwehr. Da stellt sich natürlich die Frage: Gehen wir Männer vielleicht schlechter mit Stress um? Ist das mit ein Grund, warum die Immunabwehr von Frauen (im Durchschnitt) besser funktioniert?

… und zu selten Option 3: aktives Erdulden

Manchmal ist Flucht einfach die bessere Option. Doch noch besser ist oft Option 3, egal ob auf der Autobahn, an der Supermarktkasse und meistens auch am Arbeitsplatz. Nicht fliehen, aber auch nicht in den Kampfmodus schalten, sondern es einfach aushalten und sich denken: Es lohnt sich gar nicht, sich darüber aufzuregen. Ein bisschen wie an einem Regentag, wo man nicht panisch nach einer Gelegenheit zum Unterstellen sucht (Flucht), nicht den Regen lauthals verwünscht, was ohnehin nichts bringt (Kampf), sondern den Regen einfach Regen sein lässt und gelassen erduldet.

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: 

Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern

Des wütenden Geschicks erdulden oder,

Sich waffnend gegen eine See von Plagen,

Durch Widerstand sie enden?

Sterben, schlafen: nichts weiter.

Shakespeare, William: Hamlet

Aber wie lässt sich diese Gelassenheit lernen? Laut Duden kommt das Wort gelassen aus dem mittelhochdeutschen und bedeutet ursprünglich so viel wie gottergeben, später dann auch maßvoll und ruhig. Als zweite Bedeutung wird Das seelische Gleichgewicht bewahrend angeben, was auch nicht viel erklärt.

Wichtig ist mir, die Gelassenheit von der Flucht abzugrenzen. Vielleicht sollte man von einem aktiven Erdulden sprechen. Aktiv deshalb, weil ich nicht fliehe, sondern auf meinem Standpunkt oder Standort beharre. Die Gelassenheit die ich meine bedeutet nicht sich zu sagen: „Na ja, dieser Beruf war zwar mein Traum, aber egal, suche ich mir was neues“, sondern „Nein, ich rege mich jetzt nicht auf, sondern beharre ruhig auf meinem Standpunkt“. Wobei natürlich auch die Kompromissfindung und das Suchen neuer Lösungen dazu gehört.

Ich habe mal ein paar Tipps gesucht, wie man gelassen bleiben kann. Nicht, weil ich selbst das schon so super raus habe, sondern gerade weil ich mich selbst viel zu oft aufrege. Und dann – um zu deeskalieren – fliehe, was auch nicht optimal ist.

Tipps für mehr Gelassenheit

Wer im Internet nach dem Thema sucht, bekommt viele Fragen wie „Welcher Heilstein für Gelassenheit“ oder „Welche Globuli für Gelassenheit“ angezeigt. Ich halte nichts davon, auch wenn beides natürlich einen Placebo-Effekt haben kann, so meistens sogar haben wird.

Sich Gelassenheit vornehmen

Mir hilft es, sich vor einer potenziell konfliktträchtigen Situation vorzunehmen: Nein, ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Leider funktioniert das bisher nicht, wenn die Provokation unerwartet kommt. Daran arbeite ich noch. Ständig mit Konflikten zu rechnen kann außerdem ziemlich anstrengend sein. Das ist also noch nicht die Musterlösung. Aber in manchen Situationen kann sie hilfreich sein.

Arbeit ist das halbe Leben – aber nicht das ganze

Dieser Tipp scheint mir bei vielen Männern besonders wichtig. Denn oft definieren wir uns immer noch über den Beruf. Das hat Konsequenzen. Auffällig viele Männer versterben kurz nach dem Renteneintritt. Andere kippen schon im Job vom Stuhl.

Frauen arbeiten nicht weniger (wenn man die Hausarbeit mitzählt), aber sie definieren sich weniger über ihren Beruf und sind weniger von ihm abhängig. Zumal sie in verschiedenen Sphären zu Hause sind. Dass sie oft noch stärker in Haushalt und Kindererziehung eingebunden sind, ist in Bezug auf den beruflichen Erfolg zwar ein Nachteil, aber in puncto psychische Gesundheit ein Vorteil. Eine große Studie zu Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre2 zeigte, dass Frauen mit der Arbeitslosigkeit besser klarkamen, weil sie noch andere Aufgaben hatte.

Das bedeutet im Klartext, dass Hobbys und Familie nicht dem beruflichen Erfolg geopfert werden sollten. Wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin, treffe ich hin und wieder ältere Männer, die mir bedauernd erzählen, dass sie vor lauter Beruf das Aufwachsen ihrer Kinder verpasst haben.

Nimm dich ernst, aber nicht zu wichtig

Diesen Leitsatz habe nicht ich erfunden, sondern der Journalistin Gesa Gottschalk. Sie schrieb „Wer gelassen werden will, sollte seine Gefühle verstehen – sie aber nicht zu wichtig nehmen.“ Das ist schon mal ein guter Rat. Tatsächlich pendeln wir heute oft zwischen zwei Extremen, nämlich dem unsere Gefühle beiseite zu schieben und dem, sie als Ausdruck unseres wahren Selbst zu interpretieren.

Schon Rousseau (* 28. Juni 1712; † 2. Juli 1778) äußerte die Vorstellung eines Menschen, dessen wahres Ich durch die Gesellschaft unterdrückt wird.3 Daraus kann man schließen, dass diese authentische Ich irgendwie aus den Fesseln der gesellschaftlichen Konventionen befreit werden müssen.

Ganz so einfach ist es aber nicht, unser Ich ist weder ein unbeschriebenes Blatt, dass ausschließlich durch die Gesellschaft geprägt wurde noch ein autonomes Etwas, das befreit werden muss. Deshalb ist es wichtig, sich selbst mit all seinen Wünschen und Gefühlen ernst zu nehmen, aber nicht ständig darum zu kreisen. Wer sich beispielsweise im Beruf ungerecht behandelt fühlt, sollte das zur Sprache bringen, aber das Problem nicht ewig wälzen, wenn der Chef oder die Chefin trotzdem bei ihrer Entscheidung bleibt.

Ein gesundes Beziehungs- und Sexualleben trägt zur Entspannung bei

Einsamkeit ist eine große Belastung für Menschen, egal ob Männer oder Frauen. Sie setzt uns unter Stress. Aber der Rat „Suche dir eine Freundin“ wäre ziemlich sinnlos, denn die wenigsten Menschen sind freiwillig dauerhaft alleine. Und die, die es sind, werden es sich meistens gut überlegt haben.

Allerdings ist auch bei langjährigen Paaren das Liebesleben oft eingerostet, sowohl emotional als auch körperlich. Daran kann man arbeiten. Wer Single ist oder wenn sie nicht mitzieht, dann bleibt nur noch der Rat „Selbst ist der Mann“.

Treibe Sport und meditiere

Auch Sport ist ein gutes Mittel, um Stress zu reduzieren. Neulich traf ich einen Bekannten, der jeden Tag gut 20 Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Das bedeutet nicht nur, dass man sich weniger über den Straßenverkehr aufregen muss (das muss man auch als Fahrradfahrer manchmal). Er erzählt mir auch, dass der Ärger aus dem Beruf nahezu vergessen sei, wenn er Abends nachhause kommt. Wer nicht die Möglichkeit hat, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren (in Großstädten ist man damit oft fast genauso schnell wie mit dem Auto), der kann sich ein Ergometer vor den Fernseher stellen und beim fern sehen noch etwas strampeln.

Meine neue Smartwatch will immer mal wieder, dass ich mich eine Minute lang ganz auf meinen Atem konzentriere. Hört sich verrückt an, funktioniert aber. Ich werde tatsächlich ruhiger.

Fazit

Es gibt also Möglichkeiten, seltener zu kämpfen und trotzdem nicht ständig zu fliehen. Flucht ist in unserer Zeit manchmal (nicht immer) besser als Kampf, aber am besten ist eben das aktive Erdulden. Also auf seinem Standpunkt zu beharren ohne sich in Kämpfe zu verstricken und gleichzeitig nach Kompromissen oder der Situation angepassteren Lösungen suchen. Und wenn man sich trotzdem aufgeregt hat hilft Sport, den Frust abzubauen.

  1. Sapolsky, Robert: Gewalt und Mitgefühl – Die Biologie des menschlichen Verhaltens, München 2017, insbesondere S. 134 ff
  2. Die Arbeitslosen von Marienthal gilt bis heute als wegweisende Feldstudie zu den Folgen von Arbeitslosigkeit
  3. Eine prägnante Zusammenfassung der Zivilisationskritik Rousseaus findet sich bei Herman, Arthur: Propheten des Niedergangs – der Endzeitmythos im westlichen Denken, Berlin 1998

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