Am 11. Juli ist Tag der Gender Empathy Gap

Heute, am 11. Juli, soll auf die Empathielücke zwischen den Geschlechtern aufmerksam gemacht werden, die Gender Empathy Gap. Denn Leid von Frauen ruft in unserer Gesellschaft weit eher und stärkeres Mitgefühl hervor als das von Männern. Ein Umstand, der auch und gerade für die Männergesundheit wichtig ist.

Vergangenen Samstag las ich in der Boulevardzeitung tz einen Beitrag über eine junge Frau, die in Italien bei einem Bootsunfall ums Leben kam. Nach einer ausführlichen Beschreibung des Unfalls, der getöteten Frau und der Beerdigungsfeier folgte am Ende ein kurzer Hinweis, der sinngemäß lautete: „Ach ja, ihr Freund wurde bei dem Unfall ebenfalls getötet“.

Nun sind Boulevardmedien keine besonders seriöse Informationsquelle. Sie sprechen eher die Emotionen als den Intellekt ihrer Leserinnen und Leser an. Und genau deshalb ist dieser Fall auch so interessant. In den Redaktionen bei BILD, Abendzeitung, tz oder Express weiß man, was die Leserschaft zu Tränen rührt – und das ist der Tod einer Frau. Auch Hilfsorganisationen haben das erkannt, auf ihren Werbefotos sind vor allem Gesichter von Frauen zu sehen.

Die Männerquote wird bei den über 100-Jährigen wohl auf absehbare Zeit verfehlt. Schlimm findet das niemand.

Das gilt selbst dann, wenn Männer die Hauptopfer sind, beispielsweise bei Kriegen, in denen vor allem Männer sterben. Die spätere Kandidatin für das Amt der US-Präsidentin erklärt sogar, Frauen seien die Hauptopfer von Kriegen, denn sie würden ihre Söhne Brüder, Väter, Söhne und Männer verlieren. Eine Behauptung, die eine Hilfsorganisation in einem Werbeanschreiben an mich noch mal wiederholte. Auf meine Rückfrage räumte man ein, dass natürlich auch Männer unter Kriegen leiden würden.

Darum ist am 11. Juli Gender Empathy Gap Tag

Der 11. Juli wurde von den Aktivistinnen und Aktivisten des Gender Empathy Gap Tages gewählt, weil heute vor 26 Jahren das Massaker von Srebrenica stattfand. Bosnisch-serbische Milizionäre ermordeten damals 251 Menschen, fast ausnahmslos Männer.1 Denn viele Frauen waren bereits vorher von den Vereinten Nationen aus der Stadt abtransportiert worden. Die verbleibenden Frauen wurden überwiegend von den Milizionären zusammen mit den Kindern aus der Stadt gebracht, die Männer dagegen ermordet. Die Vereinten Nationen stellen anschließend fest, dass eben „insbesondere Frauen und Kinder“ ein Recht auf humanitären Beistand hätten.

Friedhof in Srebrenica
Der Friedhof in Srebrenica. Foto von Pixabay.

Es handelt sich dabei keineswegs um einen Einzelfall. Auch die Kindesentführungen in Nigeria sorgten erst für Aufsehen, also eine größere Gruppe von Mädchen entführt wurde. Mehr Fälle hat die Internetseite zur Gender Empathy Gap zusammengetragen.

Die empirische Seite

Empirische Daten zu dem Thema gibt es bisher wenig. Eine der wenigen Studien zur Gender Empathy Gap von 2016 befasst sich mit dem Thema, erörtert aber vor allem, was Psychologen tun können, um diese zu schließen. Eine Untersuchung aus den 1970er Jahren nennt den Begriff zwar nicht, befasst sich aber damit, wie Erwachsene auf das Weinen eines Säuglings reagieren. Dabei kam heraus, dass Männer keinen Unterschied nach dem Geschlecht machten, Frauen aber schneller auf das Weinen weiblicher Säuglinge reagieren.

Auch Untersuchungen der israelischen Armee zeigen, dass der Tod einer Soldatin mehr Bestürzung hervorruft als der eines männlichen Kameraden. Auch der Standford_Forscher Philip Zimbardo hat auf das Problem in einem Fachbeitrag hingewiesen.

Was hat das mit Männergesundheit zu tun?

Der Politik- und Sozialwissenschaftler Warren Farrell, der den Begriff der Gender Empathy Gap bekannt gemacht hat, hat auch auf die Auswirkung auf die Männergesundheit hingewiesen. In einem Gastbeitrag für Psychology Today macht er das geringere Mitgefühl mit Männern dafür verantwortlich, dass die Übersterblichkeit von Männern in der Corona-Pandemie kaum ein Thema war. Im Endeffekt entfielen in den ersten zehn Monaten des Pandemie nach einer im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Studie mehr als 60 Prozent der vorzeitig verlorenen Lebensjahre auf Männer. Doch die zuerst geimpften Menschen waren zu geschätzt 60 Prozent Frauen.

Auch die insgesamt niedrigere Lebenserwartung von Männern ist kein wichtiges Thema für die Politik. Selbst da nicht, wo in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Rollenbildern und einer schlechteren medizinischen Versorgung offensichtlich ist wie beim Thema Selbstmord. Der Genderforscher Walter Hollstein schreibt dazu: „Wenn die männlichen Zahlen von Suizid-, Unfall- und Mordopfern auf Frauenseite zu Buche ständen, wäre der Aufschrei gewaltig.“2

Auch Männer selbst haben eine Empathielücke

Die Empathielücke ist aber nicht auf Frauen beschränkt. Sie fällt bei Frauen zwar größer aus, auch Männer reagieren aber auf weibliches Leid anders als auf männliches. Vor allem aber, haben viele selbst verinnerlicht, dass ihre Gesundheit und ihr Leben weniger Wert ist. Sie achten deshalb zu wenig auf ihr psychisches und körperliches Wohl.

Während es noch Jahre oder Jahrzehnte dauern wird, die Empathielücke in der Gesellschaft zu schließen, kann jeder Mann zunächst damit beginnen, seine eigene Gesundheit wertzuschätzen.

  1. 234 Opfer waren Männer, zwölf Frauen. Das Geschlecht der fünf Kinder ist mir nicht bekannt.
  2. Hollstein, Walter: Was vom Manne übrig blieb – Das missachtete Geschlecht, Stuttgartz 2021, Seite 80

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